Wenn ein Strom- oder Gasanbieter Ihren Vertrag vorzeitig beendet, obwohl er kein Sonderkündigungsrecht hat, dann können Sie Schadensersatz geltend machen. Betroffene Kunden wurden entweder direkt oder nach Widerspruch (insb. aufgrund Abschlags- oder Preiserhöhung) gekündigt.
Auf dieser Seite erfahren Sie, wie Sie Ihren Schadensersatz einfordern und durchsetzen.

Diese Anbieter nahmen außerplanmäßige Kündigungen vor: immergrün (ink. idealenergie, Meisterstrom & almado)Wunderwerk AGElektrizitätswerke DüsseldorfStrogonEnstrogaFuxx Sparenergie, Energie für uns, DeBe, Regionale Energiewerke (REW), Energieversorger Rheinland (EVR), Envitra, enQu

 

INHALTSVERZEICHNIS

I. Ihr Recht auf Schadensersatz
II. Schadensersatz einfordern
III. Schritt-für-Schritt-Anleitung
IV. Erfahrungen anderer Kunden

 

I. Ihr Recht auf Schadensersatz

Durch die Vertragsaufkündigung werden für die Kunden Mehrkosten anfallen.

  1. Es können geringe Mehrkosten durch eine kurzfristige Belieferung in der teureren Grundversorgung entstehen.
  2. Am teuersten wird es jedoch, wenn Kunden einen deutlich teureren Tarif abschließen müssen.

Zumindest bei der teureren Grundversorgung zeigen immergrün, idealenergie, Strogon und Wunderwerk AG Kulanz und bieten an, die Mehrkosten zu erstatten. Dies deckt allerdings nur einen Teil der entstandenen Kosten ab. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob das Angebot auch für die Ersatzversorgung gilt.

Zum Recht auf Schadensersatz schreibt die Verbraucherzentrale Nordrheinwestfalen Folgendes: 

„Eine unwirksame Kündigung verbunden mit einer Belieferungseinstellung kann zu einem Schadensersatzanspruch führen. Der Anbieter hat sich für einen bestimmten Zeitraum zu der Belieferung mit Energie vertraglich verpflichtet. Hält er seine vertragliche Verpflichtung nicht ein, indem er die Belieferung einstellt und auch nicht wirksam kündigt, liegt eine Vertragspflichtverletzung vor.

Entsteht durch die Vertragspflichtverletzung ein Schaden, dann besteht ein Anspruch auf Ausgleich des Schadens. Ein Schaden könnte dadurch entstehen, dass die Belieferung durch den Grundversorger oder auch durch einen anderen Anbieter nur zu einem höheren Preis als im ursprünglich vereinbarten Tarif möglich ist. Der Schaden ist dann die Differenz zwischen dem ursprünglich vereinbarten (niedrigeren) Preis und dem neuen (höheren) Preis der Belieferung. Die Differenz zwischen den Preisen erhöht solange den Schaden, bis der Anbieter nach den Vertragsbedingungen die nächste ordentliche Kündigungsmöglichkeit hätte. Auch ein vereinbarter Bonus, der eine bestimmte Belieferungszeit voraussetzt, die aufgrund einer Belieferungseinstellung nicht erreicht wird und aufgrund dessen nicht ausgezahlt wird, stellt einen Schaden dar.

Den etwaigen Schaden müssen Sie gegenüber dem Anbieter darlegen und Ausgleich einfordern.“

 

II. Schadensersatz einfordern

Das Einfordern eines Schadensersatzes ist nicht trivial.

Schadensersatzansprüche müssen von Ihnen konkret beziffert und belegt werden, da Sie die Beweislast tragen. Tuen Sie dies nicht, wird Ihre Beschwerde vor Gericht oder im Schlichtungsverfahren abgelehnt (siehe Beispiel). Konkret heißt dies, dass Sie tagesgenau die Mehrkosten zwischen den Vertragskonditionen von Ihren/m neuen Anbieter/n und den Vertragskonditionen mit Ihrem alten Anbieter berechnen müssen.

Nutzen Sie das kostenlose Musterschreiben und Berechnungs-Tool

Um diese Berechnung zu vereinfachen, habe ich für Sie ein Excel-Tool erstellt.

 

III. Schritt-für-Schritt-Anleitung

1. Wann Schadensersatz einfordern?

Wann Sie Schadensersatz einfordern können, hängt davon ab, wie viel Schadensersatz Sie einfordern möchten.

Kündigung durch Stromanbieter Schadensersatz

Wenn Sie den maximalen Schadensersatz einfordern möchten, dann müssen Sie bis zum Tag des ursprünglichen, vertraglich vereinbarten Vertragsende warten. Der Grund liegt darin, dass Sie erst dann Ihren Zählerstand kennen, um den Schadensersatz für die höheren Verbrauchskosten berechnen zu können.

Wenn Sie jedoch früher Schadensersatz einfordern möchten, dann könnten Sie z.B. nur den Schadensersatz für die Grundversorgung oder für die höhere Grundgebühr verlangen. Gleichzeitig würden Sie jedoch auf einen Teil des Schadensersatzes verzichten.

  • Mehrere Anbieter haben bereits zugesagt, den Schadensersatz für die Grundversorgung zu übernehmen. Diesen Schadensersatz können einfordern, sobald Sie von Ihrem neuen Anbieter beliefert werden.
  • Wenn Ihr neuer Anbieter sowohl einen höheren Arbeitspreis als auch eine höhere Grundgebühr fordert, dann könnten Sie auch schon direkte am Tag des vorgezogenen Vertragsendes den Schadensersatz aufgrund der höheren Grundgebühr fordern.

2. Schadensersatz berechnen mit Berechnungs-Tool

Den Schadensersatz berechnen Sie, indem Sie die Mehrkosten aufgrund der Vertragskündigung berechnen. Sie vergleichen also die Energiekosten für den neuen Vertrag mit dem bestehenden Vertrag. 

Um Ihnen Arbeit abzunehmen, habe ich ein Berechnungs-Tool in Excel entwickelt. Sie müssen lediglich einige Angaben tätigen. Das Tool berechnet die Mehrkosten und bereitet die Berechnung anschaulich auf.

Schadensersatz berechnen Strom Kündigung

3. Schadensersatz einfordern mittels Musterschreiben

Die Ergebnisse des Berechnungs-Tools kopieren Sie in die E-Mail-Vorlage. Auf der zuvor verlinkten Seite finden Sie weitere Hinweise für das Fertigstellen der Musterschreiben (z.B. zur Fristsetzung). Für das Einschreiben/Einwurf (ca. 3€) nutzen Sie die PDF Vorlage. Dieses Dokument ergänzen Sie um die Berechnungs-Ergebnisse.

Zum Musterschreiben fügen Sie die Nachweise zu den von Ihnen getätigten Angaben bei. Somit muss jede Angabe, die Sie in die gelben Felder der Excel-Tabelle eingetragen haben, nachprüfbar sein. Andernfalls dürfte Ihr Antrag abgelehnt werden.

Wichtig ist, dass Sie die Nachweise über die Tarifkonditionen 

  • Ihres alten Anbieters (z.B. immergrün),
  • Ihres Ersatzversorgers und
  • Ihres neuen Anbieters

sowie einen Nachweis über die Zählerstände 

  • für Beginn und Ende der Ersatzbelieferung sowie
  • Ende des ursprünglichen Vertragsendes Ihres Vertrags (also z.B. mit immergrün).

dem Schreiben beifügen.

Im Wesentlichen sind dies die Verträge mit Ihrem alten Anbieter, dem Grundversorger und dem neuen Anbieter sowie Nachweise zu den Zählerständen (also Ihre Meldungen an den Netzbetreiber).

4. Schadensersatz durchsetzen: Mahnen, Schlichtungsstelle einschalten.

Mahnen: nach 14 Tagen

Wenn nach 14 Tagen keine oder nur eine unzufriedenstellende Antwort auf Ihre Schadensersatzforderung erhalten, dann sollten Sie noch eine weitere Mahnung per E-Mail versenden. Setzen Sie eine 14-tägige Frist. Diese E-Mail könnte z.B. so formuliert sein:

Kunden-Nr.: (sofern vorhanden)
Vertrags-Nr.: (sofern vorhanden)
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich verweise auf mein Schreiben vom xx.xx.202x bezüglich meiner Forderung auf Schadensersatz. Sie sind meiner Aufforderung bisher noch nicht nachgekommen. Bitte holen Sie dies nach. Hierzu setze ich Ihnen eine Frist bis zum xx.xx.202x.
Viele Grüße,

Schlichtungsstelle einschalten: nach 14 Tagen oder nach 4 Wochen

4 Wochen nach erstmaliger Beschwerde können Sie die Schlichtungsstelle Energie einschalten.

Wenn Sie einer Preis- oder Abschlagserhöhung widersprochen haben und daraufhin gekündigt wurden, dann können Sie schon nach 14 Tagen die Schlichtungsstelle einschalten. Der Grund liegt darin, dass eine Kündigung durch den Anbieter eine deutliche Ablehnung Ihres Widerspruchs darstellt.

Was Sie beim Einschalten der Schlichtungsstelle beachten sollten und Sie Ihren Anspruch gegenüber der Schlichtungsstelle formulieren können, finden Sie hier.

5. Kompromissangebot annehmen?

Vermutlich werden Sie ein Kompromissangebot erhalten. Wenn Sie dieses annehmen, sind sämtliche andere Forderungen abgegolten. Sie verzichten somit auf Nachforderungen. Passen Sie bitte auf, dass z.B. Forderungen aufgrund von z.B. Fehlern in der Abrechnung damit nicht ausgeschlossen sind.

Wägen Sie ab, ob Sie das Angebot annehmen wollen. Wenn Sie es ablehnen, dann besteht die Gefahr, dass der Anbieter die Belieferung wieder aufnimmt (s.u.).

Ein betroffener Kunde hat das Angebot von immergrün abgelehnt. Der von ihm geforderte Schadensersatz war drei Mal so hoch, wie das Kompromissangebot. Der Kunde hat das Kompromissangebot daher abgelehnt..

 

IV. Erfahrungen anderer Kunden

Schlichtungsergebnis: Belieferung wird wieder aufgenommen.

Andere betroffene Kunden berichten mir, dass sie die Schlichtungsstelle Energie eingeschaltet haben, mit der Forderung, dass  die Belieferung wieder aufgenommen werden soll. Nachdem die Schlichtungsstelle eingeschaltet wurde, hat der Anbieter ein Vergleichsangebot unterbreitet. Als der Kunde dies abgelehnt hatte, wurde angekündigt, dass der Vertrag wieder aufgenommen wird.

Da Sie das Vergleichsangebot vom xx.xx.2021 in der genannten Höhe nicht angenommen haben, werden wir Ihre Abnahmestelle zur Belieferung wieder anmelden und Ihre Abnahmestelle bis zum xx.xx.2022 beliefern.“
(Zitat geringfügig angepasst durch den Autor)

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? 
Welche Fragen zum Schadensersatz sind noch unbeantwortet?

Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

Schadensersatz aufgrund Kündigung durchsetzen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Ich stimme der Datenschutzerklärung zu.

3 Kommentare zu „Schadensersatz aufgrund Kündigung durchsetzen

  • 25. November 2021 um 20:16
    Permalink

    Hallo Herr Moeschler,
    ich finde Ihre Ausführungen sehr Interressant. Bei mir war es ähnlich , die Elektrizitätswerke Düsseldorf haben, nach etwa 5,5 Monaten Vertragslaufzeit eine verdreifachung des Arbeitspreises
    (von 5,89ct auf 17,4 ct, der Grundversorger berechnet 8,64ct)
    angekündigt, etwa eine Woche später noch den Abschlag um 67% erhöht.
    Nachdem ich 2mal mit Hinweis auf die Preisgarantie widersprochen hatte, kam eine „Bestätigung der Kündigung“ obwohl keine Seite jemals gekündigt hat. Es war noch ein Sofortbonus vertragl. vereinbahrt, welcher ebenfalls nicht gezahlt und von mir angemahnt wurde. Dieser wurde entgegen meiner Erwartung inzwischen nachgezahlt.
    Der Vertrag wurde beim Netzbetreiber abgemeldet und mir eine Ableseaufforderung zur Schlußabrechnung gesendet. Ich habe jetzt einen Zählerstand angegeben, der völlig überhöht ist, um eine Nachzahlung zu Provozieren, welche ich zur Deckung des Schadens einbehalten möchte.
    Einen Ersatzvertrag abzuschließen macht momentan keinen Sinn, da der Grundversorger der günstigste Tarif am Markt ist.
    Ich rechene mit massivem Widerstand von denen gegen den Einbehalt, glaube jedoch nicht an eine Klage von denen.
    Mal sehen ob meine Rechnung aufgeht.
    viele Grüße Andre

    Antworten
    • 29. November 2021 um 09:14
      Permalink

      Hallo Andre,
      ich stehe vor der gleichen Situation. Mir wurde zum 08.12. rechtswidrig von Elektrizitätswerke Düsseldorf der Vertrag gekündigt.
      Ihre Idee, den Schaden mit einem erhöhten Zählerstand zu kompensieren, finde ich interessant, rechtlich jedoch bedenklich.
      Mich würde interessieren, wie das ausgeht, halten Sie uns doch mal auf dem Laufenden hierzu.
      Danke, Grüße und viel Erfolg
      Matthias

      Antworten
    • 29. November 2021 um 12:02
      Permalink

      Ich rate auch dringend davon ab, falsche Zählerstände zu melden. So machen Sie sich nur angreifbar.
      Machen Sie es bitte sauber, indem Sie den Schadensersatz anmelden.

      Antworten